austellung arlinger baugenossenschaft

sehen Sie sich die impressionen der vernissage an und lesen Sie die rede von claudia baumbusch zur ausstellungseröffnung.

Rede von Claudia Baumbusch (Kunsthistorikerin M.A) über die Werke Sabine-Ring Kirschler.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Kunstfreunde,

wieder einmal betritt die Baugenossenschaft Arlinger Neuland und feiert mit der aktuellen Schau gleich zwei Premieren: Erstmals präsentiert sie mit Sabine Ring-Kirschler eine Künstlerin, die von Haus aus Goldschmiedemeisterin und Schmuckdesignerin ist und damit eine typische Pforzheimer Künstlervita aufweist. Für die gebürtige Pforzheimerin wiederum markiert diese Ausstellung den ersten öffentlichen Auftritt als Malerin, den sie im Übrigen mit Bravour meistert. Schon ein erster Blick auf die überaus konzentrierte, in sich stimmige Hängung und Platzierung der Werke kündet von Erfahrung im Präsentieren künstlerischer Objekte. Hier war jemand am Werk, der genau weiß, dass weniger oft mehr ist und dass das Wenigere oft viel intensivere Kunstbegegnungen beschert.

Verglichen mit den betont malerischen, vielfach schwelgerisch-barocken Himmelsszenarien ihrer Vorgängerin Anina Gröger, walten in den unbunten Bildschöpfungen Sabine Ring-Kirschlers grafische Strenge und eine zuweilen franziskanische Askese, manchmal unterbrochen von durchaus temperamentvollen Ausreißern.

Schien der Blick in den Bildwerken Anina Grögers in die unendlichen Weiten des Raums und eines transzendenten Jenseits gelenkt, so verharren die Bildschöpfungen von Sabine Ring-Kirschler, die zwar meist ohne Motiv, nicht jedoch ohne Botschaft bleiben, im Hier und Jetzt einer Welt, deren materielle, formale und strukturelle Qualitäten die Künstlerin qua Beruf tagtäglich neu erkundet und auslotet.

Den Weg zu einer derart genauen, höchst intensiven optischen Wahrnehmung der Dinge hat ihr als Kind schon der Vater gewiesen. Heute vergleicht sie ihre Sicht auf die sie umgebende Welt mit dem Blick durch ein Makro, das Erscheinungen und Phänomene sichtbar macht, die dem normalen, ungeübten Auge gerne entgehen.

Auf der Basis einer solchermaßen geschulten, hochsensiblen Wahrnehmungsgabe, die durch ihre Berufswahl noch intensiviert wurde, entwickelte die heute 53jährige in den letzten vier Jahren ein bemerkenswertes malerisches Opus, das gerade in seiner Zurückhaltung und gelegentlichen Kargheit Reichtum und Fülle birgt. In Zeiten permanenter Bilderüberflutung und –überfrachtung besinnt sich die Künstlerin auf die wohltuend unaufgeregten, schon von Kandinsky gepriesenen Grundkonstanten malerischen Schaffens: Punkt, Linie und Fläche, die sie jedoch durch die Wahl der Malmaterialien und des unkonventionellen Farbauftrags zu ganz eigenen, kompromisslosen Schöpfungen führt.

Das lässt sich nirgendwo besser beobachten als hier im Foyer. Wie ein dickes provozierendes Ausrufezeichen prangt das schwarze Kreuz auf hellem Grund  – eine Verneigung vor dem großen Konstruktivisten Kasimir Malewitsch – an der Wand. Für manchen hier im Raum gewiss verstörender Auftakt, assoziiert man Form mit christliche Symbolik. Löst man jedoch das Zeichen des Kreuzes von seiner althergebrachten christlichen Bedeutung, so bleibt rein faktisch eine regelmäßige geometrische Form, bestehend aus einem horizontalen und einem vertikalen Balken, die sich in der Mitte überschneiden. Schon vor Urzeiten stand die waagerechte Linie für die Erde, die senkrechte für den Himmel und im Zusammenspiel für die Verbindung von Himmel und Erde. Zugleich verkörpert das Kreuz mit seinen in die vier Kardinalrichtungen weisenden Balken die vier Himmelsrichtungen. Unsere Urahnen diente es für ihre nautischen und astronomischen Erkundungen. Die Assoziation mit einer Windrose stellt sich ein, v.a. auch wenn man um die Segelleidenschaft der Künstlerin weiß.

Wer wie ich an dieser Stelle  gedanklich zu spielen beginnt und die äußeren Flächen des Kreuzes um 90 Grad nach oben klappt, sieht sich einem imaginierten schlichten Kastenraum gegenüber, gleichsam dem Auftakt der Architekturgeschichte – womit wir sogleich auch beim Veranstaltungsort angelangt wären, mit dessen klarer, schnörkelloser Bauweise die Arbeiten Sabine Ring-Kirschlers wundervoll korrespondieren.

Als Studentin an der damaligen FHG belegte sie Zeichnen und Malerei bei den Professoren Stark und Mosny. Eine Autodidaktin ist sie folglich nicht. Doch erfährt ihr Zugang zur freien Kunst sichtlich Anregungen von ihrem Hauptmetier, das sie mit ihrer eigenen Firmengründung ring by ring seit 1994 betreibt. Eindrucksvoll lässt sich dieser Brückenschlag zwischen angewandter Goldschmiedekunst/Schmuckdesign und freier Skulptur in der „Windsbraut“ belegen, übrigens einer der raren – einem Gedicht entsprungenen – inoffiziellen Titelgebungen. In dieser Arbeit werden Gestaltungsprozesse aus dem Schmuck angewandt, denn das Modell zu dieser Form ist aus Wachs entwickelt. Zitat Ring-Kirschler: „Skulptur zu machen ist Schmuck schaffen in groß.“ Doch um Missverständnissen von vorneherein vorzubeugen: Nicht jedes Schmuckstück eignet sich zum Übertrag ins große Format. Dass ihr dies gelingt, hat viel mit dem skulpturalen Charakter ihrer individuellen Schmuckschöpfungen zu tun, mit dem intuitiven Wissen um Proportionen, räumliche Wirkung, Oberflächentexturen, Licht und Schatteneffekte. Darüberhinaus verfügt sie über eine besondere Gabe, Geometrie und Organik zu harmonischer Einheit zu verschmelzen. Der strengen Geometrie des Kreuzes  auf der Oberseite der Windsbraut antwortet die organisch nach unten sich verjüngende Gesamtform der Plastik, die durchaus an biomorphe Prozesse denken lässt. Auch die im Treppenhaus schwebende „Flowkugel“ – als Motiv ebenfalls einer Schmuckidee entlehnt – verbindet auf eine überaus harmonische Art diese beiden Komponenten und wird von der Künstlerin als die „neue Leichtigkeit des Seins“ interpretiert.

Ihre Wurzeln in der Goldschmiedekunst kann Sabine Ring-Kirschler auch im Medium Malerei kaum verleugnen. Die Haptik ihrer malerischen Oberflächen, erzeugt durch das Anreichern der Farbe etwa mit Sand und anderen Materialien, sowie der bevorzugte schichtweise Farbauftrag schaffen eine Sinnlichkeit, die permanent dazu verleitet, über die Bilder zu streicheln und sie zu berühren. Auch der Hang zu monochromen, wenig bunten Farbstellungen dürfte ihrer künstlerischen Herkunft zuzuschreiben sein. Farbe bei Ring-Kirschler, das sind oft sensibelst orchestrierte Naturtöne im kontrapunktischen Wechselspiel mit Schwarz und  punktuellen Eklats in Rot oder Orange. Vorhersehbar sind diese Farbereignisse nicht, für Überraschungen ist die Künstlerin immer gut, etwa wenn sie, der herkömmlichen Bildträger überdrüssig, mit viel Humor und Hintersinn beschließt, Kunststoff-Bambis als Malfläche zu „usurpieren“ oder wenn sie die aus dem Segelschiffbau entlehnten, semitransparenten GFK-Platten zum Bildträger zweckentfremdet und darauf gezeichnete Variationen der Windsbraut von kraftvoller Verve und eindrücklicher Monumentalität verewigt.

So wenig wie sie die klassischen Malmittel benutzt, so wenig operiert sie mit den traditionellen Malwerkzeugen: Pinsel finden nur sehr gelegentlich Verwendung; dafür dienen ihr Spachtel, Holzstücke, die eigenen Finger oder auch Gummiformen zum Farbauftrag. Ihre Experimentierfreude kennt kaum Grenzen und diese Offenheit ist charakteristisch für Künstler, die den tradierten „Zwängen“ der akademischen Malerei nicht unterliegen.

Noch ein Spezifikum ihrer Werke, das Denken in Paaren und Gruppen, scheint sich aus der Schmuckgestaltung abzuleiten, wo sie stets Sets und Ensembles konzipiert. Diese Beobachtung trifft auch für die beiden „Kettenbilder“ im Flur zu, die ihre Entstehung einer Art Drucktechnik mit Gummiringen verdanken. Der Verzicht auf eine starre Bildanordnung zugunsten einer intuitiven Setzung der an- und abschwellenden Kreisformen versetzen die Bildgevierte in einen wunderbaren, mal mehr, mal weniger trägen Bewegungsfluss und verleihen ihnen biomorphe Qualitäten – eine eindrückliche Metapher für die Leichtigkeit des Lebens in seiner elementaren Form.

Trotz – oder gerade wegen – ihrer Motivlosigkeit, welche die Form und die Farbe an sich zum Sprechen bringt,  teilt sich in den Bildwerken Sabine-Ring-Kirschler ein weites Spektrum an Ausdrucksmodi mit, das von meditativ, leise klingend, bis kraftvoll, laut schallend reicht und an etlichen Stellen auch verrät, dass Musik ein wichtiges Movens beim Entstehungsprozess der Bilder darstellt.

Gerhard Richter hat auf die oft gestellte Frage, was sich die Maler sich denn bei ihren Bildern denken, geantwortet, dass man sich nicht dabei denken kann, weil Malerei „eine andere Form des Denkens“ sei. Knapper und zutreffender lassen sich die Werke Sabine Ring-Kirschlers nicht beschreiben.

Glückwunsch der Künstlerin für eine mehr als gelungene Premiere!

Claudia Baumbusch, Dezember 2011